Kölner Jusos in Budapest - Ein Land schafft die Demokratie ab
Von Donnerstag bis Sonntag, von Köln nach Pest, von Pest nach Buda, fünf Mal die Donau rauf und runter und wieder zurück - 20 Jusos aus Köln erkundeten in gut drei Tagen (3. bis 6. November 2011) die ungarische Hauptstadt Budapest. In seit 2007 bewährter Tradition begeben sich die Kölner Jusos ein mal im Jahr auf Reisen um die Hauptstädte Europas zu besuchen.
Am Donnerstagabend wurde schon beim ersten Spaziergang auf der Suche nach Gulaschsuppe und anderen kulinarischen Köstlichkeiten klar, dass Budapest uns auch mehr als die nächsten drei Tage würde faszinieren können. Unsere ersten Schritte führten uns vorbei am Einkaufzentrum Corvin und am Museum für Angewandte Kunst. Das große Jugendstilgebäude mit dem grün-gelb getäfelten Dach gab uns auch im abendlichen Laternenlicht schon einen eindrucksvollen Vorgeschmack darauf, was es in den nächsten Tagen zu entdecken geben würde. Gut gestärkt nach gulyás (Gulaschsuppe), pörkölt (Gulasch), csirkepaprikás (Paprikahuhn) und Grilltellern lockte natürlich auch noch die Kneipe um die Ecke. Aber selbst maggi fröcc (angeblich Weinschorle) konnte keinen von uns davon abhalten am nächsten Morgen parat zu stehen.
Bei strahlendem Sonnenschein ging es wieder die üllöi ut (Straße nach Üllő), die längste Avenue in Budapest, hinauf. Vom Kalvin ter (Calvin Platz) spazierten wir geradewegs Richtung Donau. Von der Freiheitsbrücke liefen wir die Donau entlang zum Ungarischen Parlament. Dieses imposante Gebäude mit seinen 10 Innenhöfe, 13 Personen- und Lastenaufzügen, 27 Eingängen, 29 Treppenhäusern, 691 Räumen, 365 Türmchen und vor allem, „liebe Gäste, bitte überprüfen Sie, 96 Stufen“, ist nicht nur das größte Parlamentsgebäude Europas, sondern auch – so überzeugte uns Karl der Große – das Schönste. Begleitet wurden wir bei unserer Führung durch das ungarische „Landeshaus“ (Országház) nicht nur von Karl, der uns in unnachahmlich freundlicher Art und Weise die Geschichte und Besonderheit des neogotischen Gebäudes näher brachte, sondern auch von Peter Kiš, dem stellvertretenden Vorsitzenden unserer ungarischen Schwesterorganisation Szociáldemokrata Ifjúsági Mozgalom/Fiatal Baloldal.
Vom Vortrag über die Geschichte des Budapester Parlaments und der ungarischen Nation ging es direkt weiter zum Treffen mit einem Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er setzte uns die aktuellen politischen Verhältnisse in Ungarn auseinander, erläuterte die Zusammenhänge zwischen der Zweidrittelmehrheit der Fidesz (Ungarischer Bürgerbund; national-konservative politische Partei), den geschickten, Demokratie-zersetzenden Schachzügen ihres Vorsitzenden Victor Orbán und des historisch gewachsenen, ungarischen Selbstverständnisses. Wir diskutierten mit ihm über die sukzessive Unterwanderung der ungarischen Justiz, das 2010 eingeführte Mediengesetz, das die ungarischen Medien de facto unter staatliche Kontrolle stellt, die Ohnmacht der ungarischen Linken und die zurückhaltenden oder ausbleibenden Reaktionen der Europäischen Union und der europäischen Öffentlichkeit auf diese Entwicklungen. Aber auch, wenn der Referent der FES die Zukunft Ungarns, Europas und der Welt nicht gerade in hellen und fröhlichen Farben malte, machte er am Ende doch auch und vor allem deutlich wie leidenschaftlich lebensfroh sein Ungarn ist.
Nach mehreren Stunden voller unzähliger Informationen, neuer Eindrücke und angeregter Debatten konnten wir am Abend zwischen der Besteigung des Gellértberges oder einem Besuch des Gellért Bades wählen. Benannt sind sowohl Berg als auch Bad nach dem Märtyrerbischof Gellért, der - einer Legende zufolge - bei einem Aufstand heidnischer Ungarn in ein Fass gesteckt und in die Donau gestürzt wurde. Auf dem Gipfel des Berges thront die ungarische „Freiheitsstatur“, das Denkmal der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee im Jahre 1945. Das Gellért Bad wiederum ist das berühmteste Thermalbad Budapests. Die Quellen am Gellértberg wurden schon im 13. Jahrhundert zu therapeutischen Zwecken verwendet. Das heutige Bad wurde 1918 eröffnet und seitdem mehrfach erweitert und modernisiert. Sein opulent-ehrwürdiges Ambiente blieb jedoch bis heute erhalten.
Zum Abendessen ging es dann wieder gemeinschaftlich in eine gemütliches Brauhaus. Von dort aus zogen einige noch weiter und entdecken die sogenannte Ruinenbar. Anlässlich eines Live-Auftritts der deutschen Indie Pop Band „The Jusos“ sollte die Ruinenbar dann auch unser Samstagsabendziel werden.
Am Samstag standen dann die Markthalle, die Einkaufsstraßen Budapests, für einige noch der Gellértberg mit der Grottenkirche, die Burg und die Mathiaskirche auf dem Programm. In der großen Budapester Markthalle (Nagy Vásárcsarnok) befinden sich auf drei Etagen über 180 Geschäfte und Marktstände. Von Lángos über Spitzendeckchen findet man hier allerlei Volkstümliches und Touristisches, aber auch viel frisches Obst und Gemüse.
Von der Grottenkirche aus, am Budaer Ufer der Donau entlang gelangt man zur Standseilbahn, die hoch zum Burgviertel fährt. Oben angekommen steht man direkt vor dem Wiener Tor, einem der Haupteingänge zum Burgviertel. Teil des Burgviertels ist neben dem Burgpalast, dem größten Gebäude Ungarns, auch die Matthiaskirche. Beide sind eingetragen als UNESCO-Weltkulturerbe. Steht man auf dem hellen Schutzwall, der Matthiaskirche und das Stephans Denkmal umgibt, und betrachtet die vielen kleinen Türmchen und Windungen dieser Mauer kann man auch dem Eindruck erliegen gar nicht mehr auf dieser Welt, sondern in Tolkins weißer Stadt, Minas Tirith zu wandeln. Mit der Bergbahn und über die Kettenbrücke gelangten wir zurück auf die Pestseite um uns noch ein mal ins ungarische Nachtleben zu stürzten.
Aber auch für den letzten Tag, bevor es abends wieder zurück nach Köln ging, hatten wir uns noch mal viel vorgenommen. Wie (fast) immer ging es zu Fuss zur Synagoge der Dohánystraße, auch – als größte Synagoge Europas völlig zu Recht - Große Synagoge genannt. Dort nahmen wir teil an einer Führung durch das innere „Sanktuarium“, zum jüdischen Friedhof und zum „Baum des Lebens“, der an die während des Nationalsozialismus ermordeten, ungarischen Juden erinnert. Anschließend spazierten wir durch das umliegende jüdische Viertel.
Unser nächstes Ziel war dann das „Haus des Terrors“ (Terror Háza Múzeum), ein Museum, das die beiden Terrorherrschaften des 20. Jahrhunderts darstellen und veranschaulichen soll. Das ehemals jüdische Bürgerpalais diente von 1939 bis 1944 den Pfeilkreuzlern (Nationalsozialistische Partei Ungarns, die vom Dritten Reich unterstützt wurde) als Parteizentrale, inklusive Folterkellern in den Untergeschossen. Das Gebäude liegt auf Budapests Prachstraße Andrássy út und auch der kommunistische Staatssicherheitsdienst hatte hier sein Hauptquartier inklusive Gefängnis. Dass dieses Gebäude also zur Gedenkstätte der Greuel beider Regime umgebaut wurde, lag nahe. Maßgeblich gestaltet wurde die Einrichtung des heutigen Museums während der letzten Regierungszeit von Victor Orbán. Vielleicht lag es nur daran, dass alle Ausstellungsräume, Exponate und Zeitzeugnisse ausschließlich auf ungarisch zur Verfügung standen bzw. erklärt wurden, (Von allgemeinen historischen Hintergrundinformationen auf Englisch abgesehen.) aber die Darstellung beider Diktaturen ließ den Transfer von emotionaler, audio-visueller, symbolhafter Ansprache zu historisch-sachlicher Reflexion und Aufarbeitung vermissen. Darüber hinaus ist auch die geringe Trennung des nationalsozialistischen und des kommunistischen Regimes innerhalb der Ausstellung irritierend bis verstörend. (Diese Eindrücke sind selbstredend rein subjektiv und von meinem persönlichen Erwartungshorizont an historische Gedenkstätten geprägt.)
Zum Abschluss fuhren wir durch die Földalatti, die älteste U-Bahnstrecke in Europa, die gemeinsam mit der über ihr verlaufenden Andrássy út ebenfalls Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist, bis zum Heldenplatz. Über den Heldenplatz spazierten wir ins Budapester „Stadtwäldchen“ (Városliget) bis zur Burg Vajdahunyad. Gestärkt durch Zuckerwatte und Glühwein ging es dann von dort zurück zum Hotel und von da zurück nach Köln.
Der erste abendliche Eindruck, dass Budapest den engen zeitlichen Rahmen von drei Tagen sprengen würde, hat sich absolut bestätigt. Ungarns Hauptstadt ist nicht nur historisch, architektonisch und kulturell vielseitig und spannend, sie hat auch einen besonderen, ruhigen aber vitalen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Wir hätten von daher also sicher noch mindestens dreimal so lange bleiben müssen. Dennoch haben wir auch schon in der begrenzten Zeit, die uns zur Verfügung stand, viel gesehen, erlebt und gelernt. Dafür gebührt vor allem den Organisatorinnen und Organisatoren der Reise, Eva, Katrin, Daniel und Vahit, ein herzliches Dankeschön! Auch diese Bildungsreise der Jusos Köln hat allen Mitreisenden viel Freude, Spaß und eine Erweiterung des eigenen Horizonts gebracht. Schon jetzt bin ich gespannt, wohin wir 2012 fahren werden.


